Positionen
I. Steuerreform richtig umsetzen: (fast) eine Gebrauchsanweisung
In Ländern mit einer im internationalen Vergleich hohen Steuerquote – und dazu gehört sicher auch Deutschland – sind in den vergangenen Jahren bekanntermaßen in vielen Bereichen Steuerreformsdiskussionen geführt worden. Aus der Perspektive der FDP sind in Deutschland in vielen Bereichen Steuersenkungen und –vereinfachungen nötig und möglich. Der Erfolg bisheriger Steuerreformen war gering – vielleicht auch, weil man die Mechanismen nicht genau versteht, die gegen eine Steuerreform wirken und die die früheren Reformversuche zunichte gemacht haben.
Basierend auf Arbeit mit einer Reihe von Steuerexperten in der OECD legt dieses Papier einige Prinzipien der erfolgreichen Durchführung einer Steuerreform dar. Zu diesen gehören unter anderem
- eine Kenntnis der wichtigsten Interessensgruppen, die die Reform unterstützen oder ihr entgegenwirken könnten;
- die Wahl der richtigen Verteilungsoptionen im Rahmen der Reform (d.h. welche Gruppen müssen den Steuerausfall mittragen, und welche dürfen von den zusätzlichen Geldern wie z.B. aus Subventionsabbau Nutzen ziehen?);
- die Nutzung der verschiedenen Phasen der Reformumsetzung.
Helfer und Bremsklötze: Die wichtigsten Interessensgruppen in einer Steuerreform
Am Anfang einer erfolgreichen Reform steht das Verständnis der wichtigsten von der Reform betroffenen Gruppen. Wie werden sie von der Reform betroffen sein (positiv? negativ? wie stark?) und welche Macht zum Unterstützen oder Verhindern der Reform haben sie? Wichtig: viele dieser Gruppen sind oft weniger homogen als angenommen. Z.B. hat sich aus offensichtlichen Gründen in der Energiesteuer-Diskussion oft die ‚Energielobby’ zerfleischt – und zwar zwischen Produzenten ‚klassischer’ Energie (basierend auf fossilen Brennstoffen und Atomenergie) und Produzenten regenerativer Energien.
- Verbraucher, die i.d.R. vom aus einer Steuerreform resultierenden niedrigeren Steuersatz profitieren;
- Der Privatsektor wird praktisch immer betroffen sein – doch sehr unterschiedlich, abhängig vom Industriesektor, der Größe der Firma, ... .
- Länder, Städte und Gemeinden werden i.d.R. ihre Unterstützung vom Nutzen der jeweiligen Steuerreform für sich selbst abhängig machen – und, andererseits davon, wie viel sie vom administrativen Aufwand der Reform auf sie zukommt.
Verteilungsoptionen
Wie verteilt man die Last der Steuerreform (insbesondere die Steuereinkommensausfälle), und wie verteilt man ihre Gewinne (z.B. aus einem im Rahmen der Steuerreform durchgeführten Subventionsabbau)? Dies ist insbesondere deshalb wichtig, weil diese Verteilung eine Schlüsselrolle darin spielt, ob verschiedene Gruppen die Reform akzeptieren oder nicht.
Wichtige Phasen der Umsetzung
- Identifizierung der wichtigsten Probleme, die durch die Reform angegangen werden sollen;
- Design der Reform
- Dialog, Information und ‚PR’ für die Reform
- Umsetzung der Reform
- Monitoring und Evaluierung der Reform
Wie Bild eins zeigt, nimmt die Relevanz der durch die Reform angesprochenen Probleme am Anfang dieser Phasen zu, ist während der ‚Dialog / Information / PR’-Phase am höchsten, und nimmt danach wieder ab.
Bild 1: Phasen einer Steuerreform
- Identifizierung
- Design
- Dialog, Information, ‘PR’
- Umsetzung
Wichtig für die Umsetzung sind unter anderem frühe Informationen über die anstehende Reform, so dass betroffene Sektoren und Bürger sich entsprechend umstellen können; und um die Reform in sich graduell-intensivierenden Phasen einzuführen. Letzteres hilft wiederum den Betroffenen bei der Umstellung, kann aber auch Politikern die Chance geben, einige der Effekte der Reform innerhalb dieser graduellen Reform zu testen.
- Monitoring und Evaluierung
Schlussfolgerung
- Georg Caspary -
II. Zwischen Lobbyistenverein und liberaler Reformpartei: die FDP am Scheideweg?
“Währenddessen haben Westerwelle und Co., so Keese, „nichts Nennenswertes zur Debatte beigetragen, sondern haben im Gegenteil Politik für ihre Klientel betrieben. Besonders ärgerlich ist, dass FDP-Politiker gegen die Abschaffung der staatlichen Gebührenordnung für mehrere freie Berufe zu Felde zogen, den Meisterzwang in zahlreichen Handwerkszweigen verteidigten, eine Reform der Besoldung von Staatsdienern aufhalten und - das ist die Spitze - gegen die Abschaffung der Eigenheimzulage waren, obwohl sie in Sonntagsreden den Abbau von Subventionen fordern.“
Wohlgemerkt, diese Worte stammen aus der Zeitung, die in der Vergangenheit ihren Hang zu liberalen Werten vielleicht am häufigsten und klarsten ausgedrückt hat. Umso schmerzhafter für die FDP.
In vielerlei Hinsicht ist Keeses Urteil sicher richtig. Gründe nennt er zwar keine. Aber die sind schließlich für den Einzelnen leicht selber auszumachen: kurz gesagt betreibt die FDP Existenzsicherung durch Lobbyarbeit für ihre traditionelle Klientel – freie Berufe und mittelständische Unternehmer zum Beispiel. Und die scheinen in Deutschland gegenwärtig alles andere als eine liberale Kraft zu sein.
Langfristig aber könnte sich eine solche Politik nicht nur als prinzipienlos, sondern sogar als gefährlich erweisen. Denn wenn die FDP den gegenwärtigen Weg weiter verfolgt, vergrault sie sich viele ihrer ‚wirklich liberalen’ Wähler und Mitglieder, besonders unter den jüngeren. Speziell unter den ‚jungen Eliten’, deren Abwanderung ins Ausland auch Westerwelle wortreich beklagt, sind viele Liberale. FDP wählen oder sogar Mitglied bei den Liberalen werden wollen die meisten von ihnen aber nicht. Denn wer sucht seine Zukunft schon bei einer Partei, bei der Rhetorik und Handeln so weit auseinander klaffen?
Die FDP muss daher dieser Widersprüchlichkeit ein Ende machen – und das schnell. Schließlich geht es um die Glaubwürdigkeit der Partei. Und, ohne einen Generationenkonflikt herbeireden zu wollen: es könnte noch schlimmer kommen. Denn wenn die FDP weiter Besitzstandwahrer aus der älteren Generation umschwänzelt und jüngere Liberale vergrault, dann steht sogar vielleicht sogar ihre Zukunft auf dem Spiel.
- Georg Caspary -
Die unheimliche Freiheit
Die Liberalen...
ziehen gegen Flächentarifverträge zu Felde, streiten aber im Interesse der Beamten gegen die von einigen Bundesländern betriebene Lockerung der einheitlichen Besoldung von Staatsdienern; verfechten den radikalen Subventionsabbau, beantragten aber im Bundestag, die Eigenheimzulage im Interesse der Bauwirtschaft nicht anzutasten;
Quelle: „Die unheimliche Freiheit“; DER SPIEGEL, 52/2003